Paulo dos Santos


Biografie:

1962 geboren in Lissabon / Portugal
1990 - 95 Studium der Visuellen Kommunikation (Fotografie/Film), Fachhochschule Bielefeld
1993 / 94 MFA-Program, School of Visual Arts, New York/USA
Seit 1992 Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in den Grenzbereichen von Fotografie, Video und digital bearbeiteter Bilder

Über die Arbeit:

Auch die Arbeit Paulo dos Santos legt Assoziationen zu Malewitsch nahe: er greift die Form des Quadrates sowie seine Farbigkeit auf. Bei genauem Betrachten erkennt man die schwarze monochrom Fläche aber als ein Produkt digitaler Bildverarbeitung: Santos verarbeitet über den Scanner schwarze Pfefferkörner zu einem 'Bild'.
Insofern wird auch hier vorgefundenes Material verwendet - die Struktur und Materialität des Originals bestimmen die Oberfläche des Computerausdrucks. Das Bild ist jedoch kein Unikat, lässt keinen handwerklichen, malerischen Duktus erspüren - wie er in der Arbeit von Beck und Hoher noch zu riechen ist. Es verweist auf diesen durch die Struktur des auf dem Scanner real existierenden Pfeffers.
Verstärkt wird der mediale Aspekt durch die Kombination mit einer ebenfalls digital bearbeiteten fotografischen Abbildung - ein uns scheinbar vertrautes Medium. In der strengen Form eines Diptychons konfrontiert der Künstler die monochromen Quadrate mit fotografischen Abbildungen von Menschen. Zu sehen sind keine Individuen, sondern gesichtslose 'Typen'. Aufgrund der mit Tüchern verhüllten Köpfe assoziieren wir vielleicht Menschen in der landestypischen Kleidung Nordafrikas. Die schemenhaften Darstellungen scheinen bekannt, obwohl sie nicht zu erkennen sind. Mit solchen Bildern werden wir täglich in den Medien konfrontiert, ohne dass uns das 'Fremde' - auf weiches diese Bildzitate verweisen - bekannt oder erfahrbar würde. Obwohl diese Fremden auch hier nicht zu erkennen sind, werden sie durch die Präsenz der ausgestellten Diptychen in unsere Erinnerung gerufen. Die Schwärze löst vielleicht ein Gefühl der Trauer aus. Das Quadrat hält sie in der Spannung seines Formats gefangen.
Beide Bildhälften gehören zum vierten Teil eines Arbeitszyklus mit dem Titel 'Europa oder der Seeweg nach Indien' - für Santos eine Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der Geschichte seines Herkunftslandes Portugals. Seit sieben Jahren bearbeitet der Künstler - inspiriert durch die Reise des portugiesischen Seefahrers Vasco da Gama, die er selbst 1995 nachvollzogen hat - den Themenkomplex der medialen Repräsentation der Ferne und des 'Fremden' und erweitert ihn durch die Konfrontation mit der Bezugnahme auf die historischen Bedingungen der Kunst selbst und der mit ihr verknüpften gesellschaftlichen Systeme. In einem Interview mit Rainer Stamm in der Zeitschrift 'neue bildende kunst' formuliert der Künstler: ,... Da habe ich mich eher an Malewitsch orientiert. Das Schwarze Ouadrat steht für eine bestimmte Utopie in der Kunst und auch als politische Utopie. In dem Moment, wo alle Utopien der Welt weggefallen sind, scheint als einzige Utopie der Kapitalismus zu bleiben; und das interessiert mich, das ist schon in dem Seeweg nach Indien als Utopie angelegt, denn man hat sich von Indien, von dem ganzen Orient, tausend Schätze, das Land, wo Gold fließt, also das Schlaraffenland versprochen. Das war die Vorstellung. Wenn ich das zusammen installiere, entsteht eine bestimmte Stimmung ... Meine Bilder sind mediale Urbilder dadurch, dass sie durch den Computer medial verarbeitet wurden, um zu bestimmten Prototypen zu gelangen. " (nbk, 1/1997, S. 48 - 53) Insofern wären Aspekte der Utopie Malewitschs laut Santos heute technisch realisierbar und gleichzeitig aufgehoben.
Die Auseinandersetzung mit 'Übervätern' ist in der Kunst nichts Neues. Ein prägnantes Beispiel liefern die 60er Jahre, als Künstler, wie z. B. Joseph Beuys in seiner Aktion 'Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet' (1964) oder Jean-Jacques Lebel u.a., sich mit einem anderen Ur-Vater der Moderne - nämlich Duchamp - auseinandersetzten. Dessen Werk wurde kritisiert, da es außer dem Formenvokabular der Avantgarde kaum etwas am kritisierten KunstBetrieb, an der Aura des Kunstobjektes noch an dem Mythos vom genialisch schöpferischen Individuum geändert hatte. Beuys erprobte eine 'Erweiterung des Kunstbegriffs', was eine Umgestaltung der Gesellschaft einschloss, Lebel erklärte 1968 den Protestakt selbst zum Kunstwerk.
Symbolisch für das Auflehnen der Künstlergeneration der 60er Jahre gegenüber einer übermächtigen 'Vaterfigur' kann eine Sequenz von photorealistischen Malereien von Eduardo Arroyo, Gilles Aillaud und Antonio Recalicati (Leben und Sterben lassen oder Das tragische Ende Marcel Duchamps, 1965) verstanden werden. Auf diesen war Duchamp von ihnen eine Treppe hinuntergestoßen worden und liegt tot am Treppenabsatz - als Reaktion auf die 1965 in der Pariser Galerie Creuze ausgestellten Arbeiten trugen amerikanische Pop-Art-Künstler und französische Nouveaux Réalistes seinen Leichnam zu Grabe. (vgl. hierzu: um 1968: Konkrete Utopien in Kunst und Gesellschaft, Ausstellungskatalog Köln 1990, (Hrsg.) Syring, Marie Luise, und insbesondere S. 17 ff.)
Die hier gezeigten Arbeiten der 90er Jahre hingegen präsentieren eine selbstbewusste Haltung ihrem Vor-Bild gegenüber, die ihrer Traditionen eingedenk, dieses zitieren und thematisieren. Sie bewegen sich im Kontext der Frage nach den Möglichkeiten von Kunst und besetzen bekannte Komponenten neu. Sie verarbeiten und zitieren geläufiges Formenvokabular und transponieren es in einen aktuellen Kontext.
Text von Sabine Grosser; in: dedicated: Paulos dos Santos, S. 12 - 14; - Katalog der Produzentengalerie Kassel anläßlich der documenta X, Kassel, Juli 1997, ISBN 3-923461-24-0


Einzeln Ausstellungen:

1997 Europa , Or The See Passage To India V, Galerie Poller, Frankfurt a.M.
1994 Europa , Or The See Passage To India, Elkins Hall Gallery / Tyler School of Art Philadelphia / USA
Mozart: The Picture, An Installation With Photographic Elements. German House Gallery at the New York University


Gruppen Austellungen:

1997 dedicated, Produzentengalerie Kassel anläßlich der documenta X, Kassel
1996 Álem da água, Museo Extremeño e Iberoamericano de Arte Contemparáneo, Badajós / Spanien
Pistol, Theaterzwang/ 96, Dortmund
1995 Videoarbeit für Pistol, Tanztheater/ Performance, Theaterlabor Bielefeld
Europa oder der Seeweg nach Indien, Diplomausstellung, Fachhochschule Bielefeld
1994 Bilder nach der Natur/ Images After Nature, Galerie Lichtblick, Köln
Jan van Eyck Akademie, Maastrich / Holland
Public Advisory, E M Donahue Gallery, New York / USA
Kempener Video- Tage, Kempen
1993 Lichtstücke / Vergegenwärtigung des Lichtes, Kunsthistorisches Museum, Bielefeld
Eight Artists from Germany, Tyler School of Art Gallery, Philadelphla / USA
1992 Video-Tage, Vldeo Festival Salzgitter, Salzgitter
Transfern, Galerie Unterm Turm, Stuttgart
Europa oder der Seeweg nach Indien, Galerie Fotoforum Schwarzbunt, Bielefeld
991 Mozart inTonspuren und Bildräumen, Daniel- Poeppelman- Haus, Kunstverein Herford


Bibliographie:

Rainer Stamm, Fotografie mit Fotografie - Frank Göldner-Paulo dos Santos / Zeitgenössische Fotografie und die Historizität der Bilder; in: neue bildende kunst, Nr. 1, 1997, Seite 48 - 53.
Dedicated - Sabine Grosser: Paulo dos Santos; in: Katalog zur Ausstellung
(01. - 27.07.97) der Produzentengalerie Kassel e.V. anläßlich der documenta X, Kassel, 1997, ISBN 3-923461-24-0